Der Atem, dein Zugang zum Hier und Jetzt

Wann ist es sinnvoll mit Achtsamkeits- und Meditationspraxis zu beginnen?

In unserem bewegten, ja zuweilen wirklich stressigem Alltag (Familie, Beruf, persönliche Kontakte, Engagement in sozialen Bereichen, etc.) fehlt uns oft ein sich stimmig anfühlender Zugang zur Meditations- und Achtsamkeitspraxis. Wir haben neben der Zeit, die uns immer wieder zu fehlen schein, noch das Problem, dass wir nicht wissen, wann und wo wir beginnen sollen. Wann ist der "richtige Augenblick"? Sind solche "Zugänge" nicht eher an einschneidende Ereignisse, wie die Geburt eines Kindes, den Verlust eines lieben Menschen oder wirklich sehr widrige Umstände gebunden?

Meine eigene Beobachtung ist, dass wir häufig in unsere Gewohnheiten verstrickt sind, so auch unser Geist. So wie wir bestimmte Tagesabläufe haben, hat auch unser Geist seine Routine in Form von Gedankenmustern, die er täglich abspult. Diese Gewohnheiten sind, wie sie sind. Unsere aktuelle Lebenssituation ist, wie sie ist. Darum wird es wohl nie den perfekten Moment oder Anlass geben, außer man entschließt sich dazu. 

Die Verbindung mit dem Atem

Der für mich effektivste Zugang zum jetzigen Augenblick ist - immer, in jeder Situation - die Verbindung mit meinem Atem. Der Atem fließt ununterbrochen, ganz von selbst. Der Atem fließt immer jetzt, also immer im gegenwärtigen Moment. Er ist die Verbindung zu unserem Körper, zu unseren Gefühlen und unserem Leben in der Gegenwart.  Indem ich mir meines Atems bewusst werde, ihn einfach beobachte, wie er in mich ein- und ausströmt, bewege ich mich in das "Hier und Jetzt". Wenn ich die volle Aufmerksamkeit auf meinen Atem lenke, schalte ich den Lärm meiner Gedanken aus. Probier es einfach mal aus: Tritt mit deinem Atem in Kontakt. Beobachte einfach, wie der Atem in deinen Körper einströmt und wie er wieder ausströmt. Versuch es für 5 Atemzüge. Du kannst auch erforschen, wo du deinen Atem am deutlichsten wahrnimmst (an der Nasenspitze? In der Brust? Im Bauchraum?). Beobachte einfach, das kommen und gehen des Atems in deinem Körper.

Der Geist und seine Ablenkungsmanöver

Du wirst vermutlich schnell feststellen, dass dein Geist eine Art Eigenleben führt, welches dich von der Beobachtung deines Atems ablenkt. Das passiert den meisten Menschen, die zum ersten Mal ihre Aufmerksamkeit für längere Zeit auf den Atem lenken. Der Geist ist häufig unruhig, er wird dir vielleicht sagen, dass es langweilig ist, deinen Atem zu beobachten oder dir erzählen, dass du wichtigere Dinge zu tun hast, als hier rum zu sitzen und deinen Atem zu beobachten. Er wird in alle mögliche Richtungen abschweifen, weil er es schlichtweg nicht gewohnt ist, seine Aufmerksamkeit auf den Atem aufrecht zu erhalten. Dabei spielt es keine Rolle, ob du dich gerade in einer ruhigen Situation befindest oder ob du gerade unter Zeitdruck stehst oder ein bestimmtes Problem lösen musst. Je ruhiger du wirst in deiner Atemfokussierung, desto lauter wirst du deinen Geist empfinden. Für mich ist er zuweilen ein echter Störenfried, der mich zappeln, zweifeln, abschweifen, grübeln, Pläne schmieden ... lässt, ja mich sogar manchmal zum Abbruch der Meditation bringt, indem er mir suggeriert, dass gerade etwas gar nicht warten kann. 

Atembetrachtung ist immer möglich

Das ist tatsächlich normal! Das ist noch lange kein Grund es ganz "sein zu lassen" mit der Atembetrachtung. Denn je länger ich dies praktiziere, desto mehr profitiere ich davon. Nach noch nicht einmal einem Jahr kontinuierlicher Praxis habe ich bereits viele Momente der Klarheit, der Ruhe, der Annahme und auch der Erkenntnis gehabt. Das fantastische an der Atembetrachtung ist, dass ich dazu nicht in eine Meditationshaltung kommen muss. Ich kann meinen Atem beobachten während ich von A nach B laufe, im Bett liege und langsam wach werde, Auto fahre, einkaufen gehe, mein Kind auf dem Arm habe, im vorlese, es ins Bett bringe, ...

Ich benötige für die Atembetrachtung weder extra Zeit noch eine bestimmte Haltung, noch ein bestimmtes Outfit oder bestimmte "Umstände". Atem ist immer jetzt! Somit ist die Atembetrachtung immer jetzt möglich. Das einzige, was es benötigt, ist sich daran zu erinnern, sich auf den Atem zu konzentrieren. 

Langfristig profitieren

Je häufiger ich mich auf den Atem konzentriere, desto besser gelingt es mir, meinem Geist auf die "Schliche zu kommen". Ich entlarve zunehmend destruktive Gedankenmuster (Sorgen, Ängste, Schuldzuweisungen...) und kann sie mit Hilfe der Atemfokussierung auflösen - die Gedanken loslassen oder ziehen lassen. Ja und selbst wenn ich weiter an solchen Gedanken nage, kann ich immer noch den Atem betrachten. Ich nutze den Atem, um mich immer tiefer in der Gegenwart zu verankern und lebe dadurch leichter. Ja, die Leichtigkeit ist in mein Leben zurück gekehrt. Das ist das größte Geschenk das ich erhalten habe, seitdem ich mir die "Mühe mache" eine kontinuierliche Atembetrachtung zu kultivieren. 

Der Atmen ist Stille - der Atmen ist Frieden 🙂

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